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Die Passionsspiele Oberammergau 2022

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Abendmahl. Foto Birgit Guðjónsdóttir © Gemeinde-Oberammergau
Abendmahl. Foto Birgit Guðjónsdóttir © Gemeinde-Oberammergau

Vor fast vierhundert Jahren befand sich Oberammergau inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges; Soldaten marodierten durchs Land, es herrschte Hunger und der „Schwarze Tod“ hielt die Menschen fest in seinen Fängen. 1632 brachte einer alten Legende nach ein Mann namens Kaspar Schisler die Pest ins Dorf und binnen weniger Tage starben daran etwa achtzig erwachsene Einwohner. Die Aufzeichnungen sind lückenhaft und die Kinder hat man erst gar nicht gezählt, so muss die Zahl der Todesfälle vermutlich weit höher gewesen sein. In dieser Not sind die Oberammergauer zusammengekommen und haben das Gelöbnis abgelegt, von nun an alle zehn Jahre das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen. Angeleitet wurde das Spiel in der damaligen Zeit von der katholischen Kirche, die mit mehreren großen Klöstern – Ettal, Rottenbuch, Steingaden und Polling – das Land fest im Griff hatte. Sie prägte das Denken der Menschen, von denen viele als arme Bauern in Leibeigenschaft lebten und wenig Rechte hatten. Es herrschte Angst; Gott wurde als ein zorniger alter Mann gepredigt, der die Menschen für die von ihnen begangenen Sünden bestraft. Viren und Bakterien waren noch nicht bekannt, daher musste diese grausame Krankheit, die Tausende Kinder, Junge und Alte dahinraffte, als Strafe Gottes gedeutet werden. Die Konzentration auf die Leidensgeschichte Jesu, der „für die Sünden der Menschheit“ gestorben ist, galt vielen als Heilmittel, und so sprossen überall in Bayern Passionsspiele aus dem Boden. Über vierhundert Orte spielten zu dieser Zeit die Leidensgeschichte und – so die Legende – vertrieben die Pest, sodass keiner mehr daran starb.

Als im Frühjahr 2020 das Passionsspiel aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste, wurde immer wieder auf die alte Oberammergauer Geschichte von der Pest verwiesen. Ich wurde mehrmals gefragt, ob wir nicht darüber nachdächten, ein neues Gelübde abzulegen. Ich musste über diese Frage lachen, denn längst prägt uns, so wir daran glauben, ein völlig anderes Gottesbild. Niemand kann sich heute einen zornigen alten Mann mit einem weißen Bart vorstellen, der auf seinem Thron im Himmel sitzt und sich Krankheiten, Kriege und Hungersnöte als Strafe für die „sündige Menschheit“ ausdenkt, bis wir uns ihm unterwerfen. Heute wissen wir, dass wir selbst für das Leid und die Not in der Welt verantwortlich sind. Nicht Gott denkt sich Kriege aus, wir Menschen tun dies, nicht Gott ist für den Hunger in der Welt verantwortlich, wir selbst sind daran schuld. Unser Blick auf Gott und auf die Welt hat sich grundlegend geändert.

Und dennoch halten wir an dieser alten Tradition fest und spielen alle zehn Jahre die Geschichte eines Mannes, der vor mehr als 2000 Jahren durch die Wüste Galiläas gezogen ist, die Städte Kafarnaum und Jerusalem in Aufruhr versetzt hat und im Alter von 33 Jahren ans Kreuz geschlagen wurde. Viele Passionsspiele in anderen Orten sind längst sang- und klanglos verschwunden. Ganz anders bei uns. Hier ist die Tradition lebendig und wird von allen Generationen mit großem Eifer weitergeführt. Manchmal scheint es wie ein Wunder: Ein Dorf verwandelt sich in eine Bühne, Tausende Zuschauer kommen aus vielen Teilen der Welt und schauen staunend auf Hunderte langhaarige und bärtige Laiendarsteller, auf Sänger und Musiker, die alle zusammen mit voller Inbrunst auf der Bühne stehen und das Leben Jesu spielen. Wie kann das gelingen?

Wie kann man fast ein ganzes Dorf dazu bringen, gemeinsam eine alte – für manche sogar eine völlig veraltete und angestaubte – Geschichte zu spielen? Es geht, so glaube ich, nur dann, wenn man diese Geschichte immer wieder hinterfragt. Und es sind nicht wenige Fragen, die man sich stellen muss. Die fast vierhundertjährige Spieltradition hat Regeln hervorgebracht, die heute nicht mehr tragfähig sind. So musste man bis in die 1990er Jahre hinein einer der beiden großen Kirchen – der katholischen oder der protestantischen – angehören, um mitspielen zu dürfen. Doch längst hat sich auch unser Dorf verändert, und es spielen heute auch jene mit, die aus der Kirche ausgetreten sind, oder muslimische Oberammergauerinnen und Oberammergauer. Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer, heute eine Selbstverständlichkeit, die vor 1990 alles andere als selbstverständlich war. Und auch in Zukunft werden wir daran arbeiten müssen, Menschen in das Spiel zu integrieren und sie nicht auszugrenzen.

Eine weitere wichtige Auseinandersetzung ist die mit der Wirkungsgeschichte der Spiele. In der Kirche entwickelte sich schon im frühchristlichen Europa eine tiefe antijüdische Grundhaltung, deren zentraler und schwerwiegendster Vorwurf lautete, dass die Juden schuld am Tod Jesu Christi wären. Diese Grundhaltung fand sich auch in den Passionsspielen. Dabei wurde völlig außer Acht gelassen, dass es der Römer Pilatus war, der ihn töten ließ, und dass all jene, an die wir im Christentum glauben – Jesus, Maria, Magdalena, Petrus und Johannes –, gläubige Juden waren und zu keiner Zeit an die Gründung einer Kirche dachten. Das Passionsspiel erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der – wie uns das Lukasevangelium berichtet – schon als Kind eine große Leidenschaft für die Thora, die Heilige Schrift der Juden, hegte und heftig über deren Auslegung mit den Schriftgelehrten disputierte. Längst weiß man, dass Jesus ein starker Streiter für seinen Gott – den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – war, und dennoch hat man ihn und seinen Namen dazu missbraucht, Juden auszugrenzen, zu verfolgen, einzusperren und zu töten. Antisemitismus, das ist uns in Oberammergau sehr wichtig, darf keinen Platz im Spiel, aber auch nicht im Leben der Spieler haben.

Nicht weniger wichtig ist die Frage nach Jesus selbst, nach seinen Jüngern und all jenen Figuren, die das Schauspiel bevölkern. Was war er für ein Mensch, was hat ihn und jene, die ihn begleitet haben, umgetrieben? Früh verlässt er sein Elternhaus, seine Mutter und seine Geschwister, aus der Synagoge von Nazareth wird er hinausgeworfen, da seine Auslegung der Thora auf Widerstand stößt. Bis heute ist sein Satz geläufig, wonach ein Prophet nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause gilt. Vermutlich treibt er sich in den folgenden Jahren in den Städten Tiberias und Kafarnaum umher und kümmert sich um Menschen, die im sozialen Abseits stehen, um Prostituierte, Witwen und deren Kinder. Erst im Alter von etwa dreißig Jahren erfährt Jesus in der Wüste seine religiöse Erweckung. Die Menschen laufen ihm nach, sie verlassen am See Genezareth ihren Beruf, ihre Familie, um mit ihm zu gehen. Die Reichen waren ihm ein Dorn im Auge. Er wollte bedingungslos Frieden und predigte seinen Anhängern die Feindesliebe. „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!“ Diesen Satz können wir nicht ertragen, wir glauben nicht, dass diese Haltung funktioniert. Nicht im eigenen Leben und schon gar nicht in der Welt. Wohin dies führt, sehen wir in der Ukraine, in Syrien, im Jemen oder in Afghanistan und an vielen anderen Orten der Welt.

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