- Anzeige -

Partizipation Stadt Theater

Vorwort

von

Ein Stadttheater an der Grenze zu Polen. Das Ensemble abgeschafft, die Bürger*innengesellschaft zusammengeschrumpft. Wie kann Theater unter solchen Bedingungen seine politische Relevanz wahr nehmen und als integrativer Ort der Zivilgesellschaft funktionieren?

Foto: Club Real
Foto: Club Real

Von 2015 bis 2017 haben wir – die Wiener/Berliner Künstler*innengruppe Club Real – zusammen mit dem Kleist Forum in Frankfurt (Oder) partizipative Strategien der Kunst produktion erprobt und den Stadtraum für das Theater erobert. Das Projekt, gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, heißt Folkstheater/Teatr Ludowy. Zentraler Bestandteil dieses Projektes war für uns, Bürger*innen in Frankfurt (Oder) und seiner polnischen Schwesterstadt Słubice zu Mitschaffenden in der Kunstproduktion zu machen.

Wir haben ein unbedarftes Ei auf der Suche nach einem Schlüpfplatz durch die Straßen, ins Fitnessstudio und in eine Flüchtlingsunterkunft geschickt (Schautafel 1); wir haben Frankfurter Bürger*innen zu einer interaktiven Schmerzwerkstatt geladen, in der sie mit heißem Wachs und Wasabi-Paste die Wunden ihrer Stadt ausgelotet haben (Schautafel 2); wir haben einen toten Fisch im Keller des alten Kleist-Theaters aufgebahrt und eine Frankfurter Metalcore-Band den Soundtrack dazu singen lassen (Schautafel 4); wir sind mit polnischen Feministinnen und hunderten von selbst gebackenen Heringen über die Grenzen gerollt und gerollt und gerollt. (Schautafel 9)

Als Club Real verwirklichen wir seit dem Jahr 2000 partizipative, ortsspezifische Projekte. Unsere Strategien für künstlerisches Handeln und den öffentlichen Raum haben wir nun für den gesellschaftlichen Kontext eines Stadttheaters in Frankfurt (Oder) und Słubice genutzt und weiterentwickelt. Dank der langen Laufzeit des Projekts war es uns möglich, unsere künstlerischen Methoden genau zu hinterfragen, zu schärfen und präzise einzusetzen.

Werkzeuge

Kunst kann das Aufblitzen eines Zustands ermöglichen, der über das Gewohnte hinausweist; kann ein tiefes emotionales Erlebnis sein, das nicht in zweckgebundener Beziehung zum Alltäglichen steht. Zur Herstellung so einer Kunstaugenblicksmöglichkeit benötigen wir für die Kunstpraxis von Club Real – site specific, interaktiv und live – neue Formate und Werkzeuge. Seit unserer Gründung ist das Erfinden dieser Werkzeuge ein zentraler Bestandteil unseres künstlerischen Schaffens. In diesem Zusammenhang verstehen wir uns als Teil einer Bewegung von Künstler*innen und Aktivist*innen, die neue verbindungskonstituierende Module erfinden. Unsere Werkzeuge und Module möchten wir allen Leser*innen zur freien Verfügung stellen – zum Nachbau, zur Weiterentwicklung und als Inspiration. Deshalb gibt dieses Buch in der Art eines Handbuchs in neun Schautafeln einen Überblick über die Werkzeuge und Prozessanordnungen, die sich für unsere Art des Kunstschaffens bewährt haben.

Deutsch-polnischer Kontext

Frankfurt (Oder) und Słubice sind Schwesterstädte an einer Grenze mit wechselvoller Geschichte. Folkstheater/Teatr Ludowy beschäftigte sich intensiv mit dem zweisprachigen, binationalen Kontext. Bürger*innen auf beiden Seiten der Grenze wurden zu Mitschaffenden in der Kunstproduktion. Die polnische Frauenrechtsaktivistin Ilona Motyka schreibt in diesem Buch einen Bericht über ihre Partizipation, der gleichzeitig ein leidenschaftliches Plädoyer für den aktuellen feministischen Kampf in Polen ist.

Um Menschen auf beiden Seiten der Oder auch zum Mitlesen einzuladen, sind die Beiträge des Buches in ihrer Originalsprache abgedruckt und dann – teilweise als Auszüge – in die andere Sprache übertragen. Auch alle Schautafeln sind zweisprachig gestaltet.

Zwischen Kollaboration und Provokation

Folkstheater/Teatr Ludowy propagiert die Selbstermächtigung, die eigene Umgebung als etwas Beeinflussbares und zu Gestaltendes zu begreifen. Die Werkzeuge und Ressourcen sollen genutzt werden, um sich mittels Interventionen in den eigenen Lebensraum einzuschreiben. Wir wollen die bleierne Lethargie eingefahrener, repetitiver Vorgänge und Denkmuster sprengen. Doch jeder noch so unglückliche, aber halbwegs stabile Zustand hat Nutznießer*innen, und konservative Kräfte werden alles versuchen, um den Status quo zu erhalten. In diesem Spannungsfeld zwischen Provokation und Einladung zur Mitgestaltung bewegt sich Folkstheater/Teatr Ludowy. Die Frankfurter Journalistin Frauke Adesiyan erzählt die Geschichte der spannungsreichen und turbulenten Beziehung zwischen dem Projekt und der Stadtgesellschaft.

Die Wunden der Stadt

Ein bis heute unverarbeitetes Ereignis der Theatergeschichte von Frankfurt (Oder) haben wir eingehend bearbeitet: den Umzug des Stadttheaters ins Kleist Forum, der die Schließung des ehemaligen Kleist-Theaters bedingte, bei gleichzeitiger Abschaffung des Theaterensembles. Dieses Buch spiegelt die intensive Auseinandersetzung mit diesem Ereignis des Jahres 2000 und seinen nach wie vor drastischen Auswirkungen auf die Theatergemeinde von Frankfurt (Oder) wider. In Interviews mit den Entscheider*innen von damals werden die Geschehnisse rekonstruiert, die zur Schließung des Hauses geführt haben, und ein Bericht der Journalistin Stephanie Lubasch, die das ehemalige Kleist-Theater über Jahrzehnte begleitet hat, setzt seine Geschichte in Bezug zu dem Projekt, das im Rahmen von Folkstheater/Teatr Ludowy dort stattgefunden hat. (Schautafeln 3 und 4)

Zweieinhalb Jahre Folkstheater/Teatr Ludowy in Frankfurt (Oder) und Słubice haben uns gezeigt, wie groß die Bereitschaft der Einwohner*innen ist, sich auf Kunst einzulassen, mitzumischen, gemeinsam aktiv zu werden und gestalterisch an ihrem Stadtkontext mitzuarbeiten. Sie haben gezeigt, wie schnell Kunst politisch relevant werden kann, wenn man sich auf die Stadtgesellschaft einlässt. Und wie es sich anfühlt, wenn man ein totes Theater für einen Tag öffnet und 400 Gäste kommen und feiern.

Wir hoffen, dass dieses Buch einen Eindruck von Folkstheater/Teatr Ludowy vermittelt und dazu anregt, unsere Werkzeuge zu nutzen oder sich von ihnen inspirieren zu lassen – und dann: „Raus aus der Blase, am besten auf die Straße und gemeinsam an unserer Welt arbeiten!“

Club Real, Berlin 2018

Wir bedanken uns beim Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, bei der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, dem Auswärtigen Amt und bei der Messe und Veranstaltungs GmbH für die Ermöglichung von Folkstheater/Teatr Ludowy.

Wir bedanken und bei den künstlerischen Leiter*innen des Kleist Forums Petra Paschinger, Oliver Spatz und Florian Vogel, die mit uns gemeinsam an dem Projekt gearbeitet haben.

Wir bedanken uns bei unserem Produktionsbüro „Rat und Tat“, das uns professionell und tatkräftig unterstützt hat.

Wir bedanken uns bei den Frankfurter*innen und Słubicer*innen, die mit uns zusammengearbeitet, uns wahrgenommen und durch ihr Interesse unterstützt haben, die – auch als Antagonist*innen – in ausschlaggebender Form zu Folkstheater/Teatr Ludowy beigetragen haben.

- Anzeige -

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Haus der tausend Probebühnen

Das niederländisch-flämische Theaterkollektiv Wunderbaum entert das Theaterhaus Jena – „Thüringen? Kein Problem!“ lautet ihr Motto

Mütter! Courage!

Über mangelnden Nichtverlängerungsschutz in der Elternzeit und unsoziales Personalmanagement an der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Falk Richter

Falk Richter

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann