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Hermann Henselmann – Chefarchitekt von Berlin

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Über Hermann Henselmann ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Auch ich habe über ihn schon zwei größere Texte verfasst – 1978: „Hermann Henselmann, Architekt und Architektur in der DDR“1 und 1996: „Hermann Henselmann, Bauen mit Bildern und Worten“2. Über seine Tätigkeit als Chefarchitekt der DDR-Hauptstadt Berlin gibt es bislang keine gesonderte Darstellung. Das soll hier ansatzweise nachgeholt werden – unter Berücksichtigung neuerer Publikationen.3

Hermann‍ Henselmann,‍ Entwurf‍ (außer ‍Konkurrenz)‍ zum ‍„Ideenwettbewerb ‍zur ‍sozialistischen ‍Umgestaltung ‍des‍ Stadtzentrums‍ der ‍Hauptstadt ‍der‍ DDR,‍ Berlin“‍ 1959 ‍mit ‍„Turm‍ der‍ Signale“, ‍Volkskammergebäude ‍und ‍Kongressgebäude.‍ Quelle: Akademie der Künste, Berlin, Hermann-Henselmann-Archiv, 850, Foto 6
Hermann‍ Henselmann,‍ Entwurf‍ (außer ‍Konkurrenz)‍ zum ‍„Ideenwettbewerb ‍zur ‍sozialistischen ‍Umgestaltung ‍des‍ Stadtzentrums‍ der ‍Hauptstadt ‍der‍ DDR,‍ Berlin“‍ 1959 ‍mit ‍„Turm‍ der‍ Signale“, ‍Volkskammergebäude ‍und ‍Kongressgebäude.‍ Quelle: Akademie der Künste, Berlin, Hermann-Henselmann-Archiv, 850, Foto 6

Hermann Henselmann war Chefarchitekt von Berlin/DDR in besonders heißen Jahren des Kalten Krieges, der seit 1947 zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs als Konflikt zwischen den Gesellschaftssystemen des Kapitalismus und des Sozialismus weltweit ausgebrochen war und sich im geteilten Deutschland zwischen den 1949 entstandenen zwei deutschen Staaten und besonders im geteilten Berlin zwischen West-Berlin und Ost-Berlin zuspitzte – unterstützt von den Deutschen auf beiden Seiten. Da ging es nicht vordergründig um Städtebau und Architektur nach ästhetischen und kulturellen Maßstäben, sondern um deren Funktion im politischen und ökonomischen Wettstreit zweier gegensätzlicher Gesellschaften auf deutschem Boden – auf beiden Seiten mit dem Anspruch und der Hoffnung auf ein künftig wieder vereintes Deutschland.

Hermann Henselmann nahm in diesem Konflikt Partei für die auf Sozialismus orientierte Gesellschaftsentwicklung in der DDR – auch bei Einbußen an seiner eigenen schöpferischen Fantasie für Architektur, um seinen Auftraggeber nicht zu verlieren, den er – wie alle Architekten – brauchte, um bauen zu können. Und das war mehr als schwierig, weil der neue Auftraggeber für Städtebau und Architektur in der DDR weder historische Erfahrungen noch ausgereifte Konzeptionen für den Aufbau der angestrebten neuen – weitgehend noch unbekannten – sozialistischen Gesellschaft besaß, sondern zumeist nur sowjetische Ratschläge und Vorgaben dafür im Kopf hatte, und also so gut wie über keine eigene kulturelle Vorbildung für eine dem Sozialismus adäquate Stadt- und Architekturentwicklung verfügte und dies selbst erst lernen musste.

Dieser Konflikt zwischen Architekt und Auftraggeber offenbarte sich für Henselmann mit aller Wucht bei seinem Projekt für die Wohnbebauung an der Weberwiese.4 Dass er in diesem Konflikt als personellen Vertreter des Auftraggebers Rudolf Herrnstadt, hochrangiger Politiker der SED und Chefredakteur ihres wichtigsten Presseorgans, der Tageszeitung Neues Deutschland, gebildet und sprachgewandt, zum Kontrahenten hatte, war noch sein Glück. Schließlich führte die Auseinandersetzung zwischen beiden beim Projekt Weberwiese nicht nur zu einem beachtlichen Stück DDR-identischer Architektur, sondern – personengebunden – auch zur gegenseitigen Achtung zwischen Architekt und Auftraggeber. So erklärt es sich, dass sich der Architekt in die Diskussion um den von Richard Paulick projektierten Abschnitt A der Stalinallee, den Strausberger Platz, 1951 ungefragt mit einem eigenen Entwurf einmischte, noch dazu in der Sprache der NS-Architektur, wenn auch gedacht als Gegenmodell zu ihr, und dabei den Auftraggeber derart zu überzeugen wusste, dass der ihm daraufhin – und nicht Richard Paulick – das Projekt Strausberger Platz anvertraute, das Hermann Henselmann mit seinem Kollektiv dann auch mit Bravour 1952/53 realisierte.5 Das empfahl ihn künftig für „Höheres“.

Die Idee, Hermann Henselmann zum Chefarchitekten von Berlin, der DDR-Hauptstadt, zu machen, stammte vermutlich von Herrnstadt. Die aber kam im Zusammenhang mit den explosiven Ereignissen vor und nach dem 17. Juni 1953 zum Tragen, in denen Herrnstadt als hochrangiger Funktionär der SED – mit Unterstützung bestimmter sowjetischer Parteiführer – zur Durchsetzung einer demokratischen Politik in der DDR seinen ungeliebten Vorgesetzten Walter Ulbricht ablösen wollte und dafür einen Genossen Architekten wie Hermann Henselmann gut gebrauchen konnte. Und obwohl Herrnstadts Polit-Coup nicht gelang und – wiederum mit sowjetischer Unterstützung, diesmal allerdings mit der anderer führender Genossen aus Moskau – zu dessen politischen Kaltstellung führte: am 26 Juli 1953 zuerst zur Entlassung aus seinen Funktionen im Politbüro und im ZK der SED, aber auch als Chefredakteur des Neuen Deutschland, später dann am 23. Januar 1954 als Mitglied der Partei6, wurde Hermann Henselmann am 1. Juli 1953, also noch zur Zeit von Herrnstadts Einfluss, zum Chefarchitekten von Berlin berufen: zunächst provisorisch, 1955 dann auch offiziell. Er hatte diesen Posten inne bis Ende 1958.

Die Institution „Chefarchitekt“ wurde extra für Henselmann neu geschaffen. Es gab sie vorher nicht. Institutionell ging sie aus der beim Magistrat von Groß-Berlin angesiedelten „Planungskommission Berlin“ hervor, die unter der Leitung von Edmund Collein stand. Die Funktion „Chefarchitekt“ entsprach genau dem, was Hermann Henselmann brauchte: nicht nur Meisterarchitekt zu sein, sondern Chef-Stadt-Architekt, der dazu befähigt und zuständig ist, der Stadt ein neues – ein von ihm geprägtes – architektonisches Gesicht zu geben: mit singulären Gebäuden und Gebäude-Ensembles: Stück für Stück. Henselmann ging es vor allem immer um die prägnante Gestaltung von Gebäuden an prägnanten Orten der Stadt, nie aber um die Gestaltung der Stadt als Ganzes. Er war im Grunde ein Häuser-Architekt.

Direkt Friedrich Ebert, dem Oberbürgermeister von Berlin, unterstellt und ihm rechenschaftspflichtig, lebte er sich nun auf seiner neuen Kommandohöhe aus – und überraschte die Öffentlichkeit immer wieder mit neuen Entwürfen für Teilkomplexe der Stadt: so zuerst 1954 an der Stalinallee mit dem nach einem Wettbewerb gewonnenen Entwurf für die Bebauung am Frankfurter Tor, der anschließend auch realisiert wurde. Das war nach dem städtebaulich-architektonischen Ensemble am Strausberger Platz Henselmanns größter Erfolg als Chefarchitekt von Berlin. Allen seinen folgenden Projekten war kein Erfolg beschieden. So hatte ein 1956 vorgestellter Entwurf für ein Wohngebiet südwestlich des Strausberger Platzes – das bis zum Ostbahnhof reichte – keine Chance, realisiert zu werden. Ganz zum Schluss seiner Zeit als Chefarchitekt legte Henselmann Ende 1958 noch ein weiteres Projekt vor: für das Wohngebiet Hohenschönhausen, weit außerhalb der Innenstadt, für das er beim Magistrat der Stadt, seinem Auftraggeber, jedoch keinerlei positive Resonanz fand. Dass er eine solche umfangreiche Planungsarbeit mehrere Jahre überhaupt hat durchführen können, lag daran, dass er es verstanden hatte, bei seiner Berufung zum Chefarchitekten der Stadt 1953 das bis dahin von ihm geleitete Architektenkollektiv der Meisterwerkstatt I an der Deutschen Bauakademie in den Magistrat mitzunehmen. Das gab ihm 1957 sogar die Möglichkeit, über Berlin hinaus Planungsmodelle für die Umgestaltung von Kleinstädten in Mecklenburg anzufertigen, so für Pasewalk und Friedland, Demmin und Anklam, die jedoch allesamt praktisch nicht umgesetzt werden konnten.

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