Gespräch

Was macht das Theater, Emre Akal?

von und

Emre Akal, wofür braucht Deutschland ein neues Staatstheater?

Weil das Theater ein Ort sein sollte, der allen Mitgliedern der Stadtgesellschaft gleichermaßen zugänglich ist und gleichzeitig Wert legt auf Diversifizierung und faire Produktionsweisen. Wie genau das funktionieren kann, erprobe ich gerade zusammen mit Antigone ­Akgün und Azeret Koua.

Foto: Jean-Marc Turmes
Foto: Jean-Marc Turmes

Ist dieses Label nicht sehr gewichtig für etwas, das wie das Ayşe X Staatstheater keinen festen Ort hat und vorwiegend aus Mitgliedern der freien Szene besteht?

Der Begriff „Staatstheater“ steht für traditionsreiche, aber auch festgefahrene Machtstrukturen und zugleich für etwas, das viele als das Theater schlechthin begreifen. Deshalb benutzen wir ihn. Aber erst durch die Kombination mit „Ayşe X“ gerät der wichtige Bruch ins Label. Es geht um die Frage, wem dieses Theater in Zukunft gehören soll, hinter dem übrigens auch Menschen stehen, die an größere Institutionen angebunden sind, sich aber ebenfalls strukturelle Fragen stellen und größere kreative Freiheiten wünschen – wie die designierte Intendantin des Schauspiels Dortmund Julia Wissert oder Sivan Ben Yishai, derzeit Hausautorin am Nationaltheater Mannheim.

Wer genau ist Ayşe X?

Der Name geht zurück auf Ayşe Çetin, die mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, hier als Filmschauspielerin gearbeitet, aber aufgrund von für sie schwierigen Rollenzuschreibungen damit aufgehört hat, um sich zukünftig für Gleichberechtigung, Gender- und LGBTQ+-Themen zu engagieren. Wir ehren damit eine reale Person, die es wert ist, ein Theater nach ihr zu benennen. Ayşe steht für ganz viele marginalisierte Menschen in dieser Gesellschaft – nicht nur in der PoC-Community –, ist extrem gut vernetzt und hat sich nie in eine Ecke stellen lassen.

Die Fragen nach Mitbestimmung und Diversifikation liegen ja gerade in der Luft und werden von Berlin bis Zürich sehr unterschiedlich angegangen.

Wir beziehen uns dabei auf Vorbilder der Vergangenheit und Gegenwart. Wir haben in den letzten sechs Monaten viel geforscht und uns zum Beispiel mit Leuten vom Schauspiel Frankfurt getroffen, die an den Mitbestimmungsmodellen der 1970er Jahre beteiligt waren, sind aber auch zu Menschen unterschiedlichster Schichten und Herkünfte gegangen und haben gefragt: Was wäre euer Theater?
Diversifikation bedeutet im Theater bislang oft nur das Implantieren von Menschen mit anderen Hautfarben und fremd klingenden Namen in eine bestehende Struktur. Wir aber sind an der Diversifizierung der Struktur selbst interessiert, sodass Kunst von innen und unten entstehen kann. Auch beim Publikum: Viele Theater versuchen unterschiedliche Communitys einer Stadt­gesellschaft über „niedrigschwellige Angebote“ ins Theater zu bekommen, um sie nur wieder in das vorherrschende System zu pressen. Das heißt: Ich kaufe eine Karte und besuche eine Vorstellung. Unserer Meinung nach müssten Theater wirklich öffentliche Orte sein, die räumlich jederzeit zugänglich sind und ihre Prozesse und Entscheidungen transparent machen.

Wie sehen die ersten Schritte zur Umsetzung Ihrer Ideen konkret aus?

Bei den Proben zu dem Stück, das ich für unsere Eröffnung inszeniere, achte ich darauf, dass alle Beteiligten auf ­Augenhöhe miteinander kommunizieren. Dass die Proben öffentlich sind, ist ebenfalls Teil des Konstrukts. Da können auch Zuschauerinnen und Zuschauer kommen und Feedback geben.

Klingt „Konstrukt“ nicht sehr starr für eine neue Theateridee, die ja vor allem Impulse setzen will?

Es ist natürlich nichts fest betoniert, sondern wird dauernd überprüft. Der Spielplan, den wir erstellen, ist nur die Ausgangsbasis, um daran weiter zu wachsen. Alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler geben Input. Wir sind gerade deutschlandweit mit Spielorten im Gespräch darüber, ob und wie sich das Ayşe X dort manifestieren könnte.

Der Startschuss fällt am 21. November im Münchner HochX, wo sich das neue Thea­ter vier Tage lang in einer Matinee, Kurzvorträgen und Workshops vorstellt. Und Ihr ­neues Stück wird uraufgeführt. Worum geht es darin?

In „Nur ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden!“ geht es um mögliche Gesellschaften von morgen und unsere Verantwortung dafür. Ich habe gemeinsam mit den Schauspielerinnen und Schauspielern sowie dem Dramaturgen unterschiedlichste Gesellschafts­systeme daraufhin untersucht, welche Auswirkungen sie auf die Körper haben, auf Aussehen und Struktur der Städte oder die Zwischenmenschlichkeit. Es geht darin um die Zukunft, wie im Ayşe X auch. //

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