Thema: „Mein Kampf “ in Weimar

Der Hitler in uns

Hans-Jürgen Syberberg will die „verwüsteten Seelenlandschaften“ der deutschen Geschichte kultivieren

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Am Morgen hatte er mich vorgewarnt: Wir müssen heute noch auf dem Marktplatz von Demmin das Gerüst aufbauen! Keine Ahnung, was für ein Gerüst das sein soll, aber eins ist klar: Der Künstler bleibt selbst dann, wenn er einen so absoluten Anspruch an die ästhetische Form formuliert wie Hans-Jürgen Syberberg, immer auch Handwerker.

Foto: Gunnar Decker
Foto: Gunnar Decker

Mittags steht ein eher schmaler grauhaariger Mann in einer weißen bayerischen Trachtenjacke und blauen Arbeitshosen auf dem Bahnhof von Demmin. Wir bauen das Gerüst heute doch nicht auf, das kommunale Chaos hat wieder einmal alle Zeitpläne durcheinandergebracht. Syberberg, von Susan Sontag der „größte deutsche Wagnerianer nach Thomas Mann“ genannt, erscheint mir wie der idealtypische Erbe eines vorpommerschen Gutsbesitzes, aber eines zum Ein-Mann-Betrieb eingeschrumpften, bei dem der Herr immer auch sein einziger Knecht ist. Wir steigen in Syberbergs blauen Kombi, der, darauf legt er großen Wert, alt und klapprig wirkt. Der Geistesadel verhält sich zu den Statussymbolen des kleinen Mannes auf demonstrative Weise herablassend.

Im Dezember wird Syberberg achtzig. Dazu präsentiert man in Demmin einen Film von ihm – nicht den siebenstündigen „Hitler, ein Film aus Deutschland“, der 1977 in London uraufgeführt zur Weltsensation wurde, sondern seinen ersten Spielfilm von 1969, „Scarabea – Wieviel Erde braucht der Mensch?“. Der Sprung in den Fluss der Bilder ist damit gewagt.

Wir fahren durch Demmin nach Nossendorf, neun Kilometer außerhalb. Dort hat er die Rekonstruktion seines Elternhauses zum „Nossendorfprojekt“ erklärt, über das er nun seit 15 Jahren tagtäglich sein Internet-Tagebuch führt. An den Straßenrändern der ehemaligen Kreisstadt hängen Plakate von NPD und Bündnis 90/Die Grünen übereinander. Sie fordern ein Ja zum Volksentscheid. „Jetzt reichts!“ und „Das Amtsgericht bleibt!“ ist zu lesen. Aber es ist wohl schon weg, denn in Mecklenburg-Vorpommern gab es neben der Kreisgebietsreform, die bürokratische Verwaltungsungetüme schuf, auch eine Polizei- und Justizreform. Und nun hat Demmin auch noch das Amtsgericht verloren, da bleibt nicht mehr viel außer Ohnmacht und Wut. Aber das 875-jährige Stadtjubiläum feiert die Stadt wie üblich, also mit Buden und Karussells. Und darum kann Syberberg auch heute auf dem Marktplatz nicht das Gerüst aufbauen – hundert Meter breit und fünf Meter hoch, direkt vor dem Rathaus, an jener Seite des Marktplatzes, wo die realsozialistische Stadtplanung einen massig-gesichtslosen Wohnblock hinklotzte. Überall im Zentrum von Demmin stehen ohne erkennbare Ordnung diese hässlichen Blocks. Syberberg nennt es eine „enthauptete Stadt“ – und mit der Aufkündigung des Amtsgerichtsstandorts verlassen nun auch jene vielleicht letzten Bürger die Stadt, die diese so dringend bräuchte.

Der rote Himmel über Demmin

In der Charakterisierung der nur halb wiedergefundenen Orte seiner Kindheit ist Syberberg kompromisslos expressiv. Eine „verwüstete Seelenlandschaft“ nennt er sie – solche drastischen Urteile haben ihm Feinde gemacht, bei den Erben der LPGs, die, so meint jedenfalls Syberberg, hier immer noch den Ton angeben. Dabei nimmt man ihm wohl hauptsächlich übel, dass er in Nossendorf geboren wurde und nun als jemand, der ebenso in München, Paris oder New York zu Hause sein könnte, hierher zurückkehrte. Ein weltläufiger Pommer, der seine Ansprüche an die Provinz aus den Metropolen mitbrachte. Er hat den gleichen harten Schädel wie jene, mit denen er hier zur Schule ging – und ist doch anderswo ein Anderer geworden. Einer, dem man sein Fremdsein ebenso anmerkt wie seine Sehnsucht nach Kindheitsorten. Demmin, sagt er, hat das Trauma des Kriegsendes nie verarbeitet. Hitler war schon tot, als der Roten Armee die Stadt am 1. Mai 1945 kampflos übergeben wurde. Aber dann vergiftete ein Apotheker mehrere russische Offiziere, und zur Vergeltung wurde die Stadt in Brand gesteckt und systematisch Frauen vergewaltigt. Es kam zu einer Massenpanik, bei der sich Hunderte Frauen und Kinder in der Tollense ertränkten. Syberberg war damals neun Jahre alt und sah von Nossendorf aus den sich blutrot verfärbenden Himmel über Demmin.

In der DDR durfte darüber nicht gesprochen werden. Und auch danach fand man lange Zeit keine Form des Gedenkens. Nur die Rechtsradikalen machten damit Propaganda. Jetzt beginnt der Festumzug zu 875 Jahren Demmin mit einem Gedenken an die Toten, die im Stadtgedächtnis so unheilvoll lebendig geblieben sind.

Zeit zur Beantwortung der Frage, wozu das Gerüst eigentlich gut sein soll. Syberberg will darauf eine Leinwand spannen und die Silhouetten von fünf Bürgerhäusern projizieren, die am Markt standen. Er hat alte Einwohnerlisten gefunden, Fotos und andere Dokumente. So will er die verschwundenen Häuser mitsamt ihren Bewohnern für einen Moment wiedererstehen lassen. Die Wunden der Geschichte sollen sichtbar werden. Sie sind, wie Heiner Müller sagte, zwar vernarbt, aber schief. Syberberg ist in seinem Element, dem der Collage! Der Bürgermeister fand die Idee gut, aber nun ist der Platz von den Wohnwagen der Schausteller blockiert. Nächste Woche kommt das Gerüst!, so hat man ihm soeben fest versprochen. Syberberg kennt diese stille Verhinderungsmentalität der Provinz. Aber immerhin zeigt sich hier erstmals die Bereitschaft, sich einer solchen Installation Syberbergs auszusetzen, von der man noch nicht einmal genau weiß, wie sie aussehen wird.

Seitlich der Landstraße taucht der Kirchturm von Nossendorf auf, dessen Wiederaufbau Syberberg vor einigen Jahren mit einem Verein initiierte. Erst waren alle Nossendorfer vehement dagegen, jetzt finden sie ihn schön. So ist das immer hier, er kennt das inzwischen.

Das Haus seiner Eltern war 1989 noch eine Industriebrache. Jetzt ist es ein Gegenweltmodell, eine grüne Oase, die man per Webcam in aller Welt besichtigen kann (bis zu 20 000 Besucher aus aller Welt schalten täglich nach Nossendorf). Richtig heizbar ist das alte Haus nicht, bequem auch nicht, aber in aller Kargheit doch schön. Wenn man unter Schönheit den Sinn für eine Lebenshaltung versteht, die sich einen Ausdruck schafft. Syberberg, der konsequenteste Ästhetisierer des deutschen Films, polarisierte von Anfang an. Darf man Hitler, den Massenmörder, denn ästhetisieren, ist das Böse etwa schön? Gegen die Ästhetisierung liefen die 68er Sturm. Verführung, Faszination und Rausch, diese Wirkmechanismen von Kunst galten ihnen schon als profaschistisch. Darum standen für sie Wagner und Romantik so unter Verdacht, denn mit ihnen tauchte Syberberg tief ein in die zerstörerischen Möglichkeiten des Menschen. Aber wohnen nicht genau dort auch die Immunisierungskräfte gegen jene billigen Ressentiments der Nazis gestern wie heute, die nicht an einem Zuviel, sondern einem Zuwenig an Fantasie kranken?

Syberberg wusste, worauf er sich einließ, als er seine „Deutsche Trilogie“ begann – über Ludwig II., Karl May und Hitler. Die tonangebende Kritik reagierte hierzulande auf diesen Versuch einer deutschen Seelentopografie verärgert bis feindlich. Für Syberberg war eine derartige Selbstgerechtigkeit unannehmbar. Warum lasen denn die Deutschen nicht ein so wichtiges Buch wie Max Picards „Hitler in uns selbst“ von 1946? Weil sie der Meinung waren, Hitler habe mit ihnen nichts zu tun, sie trügen ihn nicht mit sich?

Kunst und Verbrechen

Hätte Syberberg nicht so starken internationalen Beistand für seinen Hitler-Film gefunden, der wie ein übergesteigertes Wagner- Epos daherkommt, ein Assoziationsrausch, der sieben Stunden andauert, wäre er wohl zwischen den ideologischen Verdächtigungsfronten zerrieben worden. Dass bei ihm allerhöchstes Pathos unvermutet in etwas Ironisches umschlägt, eine solche – geradezu postmoderne – Ästhetik lag in den siebziger Jahren den Deutschen in West und Ost überaus fern. Wenn Rimini Protokoll jetzt in Weimar „Mein Kampf“ auf die Bühne bringen und zuvor erklären, dass man den Text aus großer Distanz heraus behandelt habe, dann fragt man sich, ob das mutig ist. Syberberg jedenfalls ist tief eingetaucht ins deutsche Verhängnis. Kann es sein, dass Kunst und Verbrechen aus der gleichen Wurzel wachsen?

Es waren die Franzosen und Amerikaner, die Syberbergs Bedeutung erkannten. Michel Foucault etwa nannte den Hitler- Film ein „schönes Monster“ und schrieb weiter: „Syberberg ist es gelungen, dieser Geschichte eine gewisse Schönheit zu geben – ohne das zu verdecken, was ihr an Niedrigem, Gemeinem, Alltäglich- Verächtlichem anhaftet. Vielleicht hat er damit am Nazismus getroffen, was diesen am allermeisten hexenhaft machte: eine gewisse Eindringlichkeit der Niedertracht, ein gewisses Schillern des Mittelmaßes – was ohne Zweifel eine Zaubermacht des Nazismus war.“ Als Politiker, sagt Syberberg, als wir auf der Terrasse seines Elternhauses Kaffee trinken, war Hitler enorm durchsetzungsfähig – das sollte man bemerken. Susan Sontag hat es angesichts des Hitler-Films auf den Punkt gebracht: „Mit Hitler meint Syberberg nicht allein jenes Geschichte gewordene reale Monstrum, das die Verantwortung für den Tod von Millionen und Abermillionen Menschen trägt. Er zielt vielmehr auf ein Hitlertum, das den historischen Hitler selbst überlebt hat, ein spukhaftes Ingredienz der modernen Kultur, ein böses Prinzip von grenzenloser Wandlungsfähigkeit, das die Gegenwart durchtränkt und sie zur Reprise der Vergangenheit macht.“ Heißt das, wir sind noch lange nicht aus dem Schatten Hitlers heraus, gerade dann nicht, wenn wir meinen, besonders modern, also effektiv zu sein?

Das Telefon klingelt, die Gerüstsache gärt. Er wolle, so Syberberg, jetzt auch noch eine mehrere Meter hohe Fahnenstange obendrauf und an deren Spitze solle eine lange Fahne wehen. Und was ist auf dieser zu sehen? Egal, Hauptsache der Stoff sei hauchdünn, das sei entscheidend dafür, dass sie leicht weht. Ist diese Weltsicht eigentlich naiv? Was manchem deutschen Ideologiekritiker so vorkam, in New York war man, als Syberbergs „Hitler, ein Film aus Deutschland“ herauskam, sofort hellwach. Francis Ford Coppola, der sich mit „Apocalypse Now“ herumschlug, bei aufwendigen Drehs im Urwald das Herz der Finsternis suchte, war fasziniert davon, wie simpel-umstandslos und dabei so überaus kunstsinnig Syberberg das Phänomen des Bösen umkreiste. Kulissen aus Pappe, sprechende Puppen, einzelne Schauspieler wie Heinz Schubert oder Peter Kern, die Monologe zelebrieren, schon weil man sich Mitspieler kaum leisten konnte – und trotzdem wirkt nichts an dem Film billig. Wie kann das sein?

Coppola organisierte dann den USA-Vertrieb, Martin Scorsese verbeugte sich vor Syberberg. Seltsam, dass dieser dennoch nie in das Bewusstsein des durchschnittlichen deutschen Kinogängers eindrang. Wahrscheinlich lag es am kompromisslosen Übermaß dieser so offensiv artifiziellen Filme, auf die die Filmindustrie panisch reagierte.

Syberberg sucht immer die Form einer Collage, die sowohl fasziniert als auch diese Faszination wieder reflexiv bricht. Das ist für ihn der Zugang zum Phänomen Hitler, der sein zerstörerisches Werk schließlich nur ins Werk setzen konnte, weil es ihm gelang, die Massen zu hypnotisieren, und dabei zu verhindern suchte, dass der Einzelne selbst darüber entschied, ob er das überhaupt wollte. Die Freiheit, sich einem Rausch zu verweigern, aber ist die Vorbedingung, um sich ihm hinzugeben! Das ist die Stärke von Kunst. Ideologie ist es, wenn der Rausch zwanghaft wird. Den individuellen Rausch gegen den kollektiven zu stellen, damit beginnt Aufklärung.

Syberbergs Hitler-Film ist ein „kalter Rausch“, der sich selbst in seinen Ekstasen beobachtet. Er immunisiert mittels Spiel gegen jenes Unheil, das aus den Allmachtsfantasien der Macher erwächst. So fordert jedes Pathos die Ironie heraus, bringt das Puppenspiel den heroischen Trieb wieder auf ein menschliches Maß.

Darum geht es Syberberg heute, auch auf dem Marktplatz von Demmin: Erinnerung, die nicht ins Historische absinkt. Sein Nossendorfer Internet-Tagebuch soll ein „lebendiges Archiv“ sein, in dem sich Kunst und Leben auf eine Weise verbinden, die Abschied vom Übermaß nimmt. Fotos von Blättern und Blumen aus seinem Garten, von lebenden oder verstorbenen Zeitgenossen, dazu Zeitungsausschnitte, teils mit Kommentaren versehen, so inszeniert Syberberg seine Nossendorfer Existenz. Der großen folgt die kleine Welt, die es jenseits der manipulativen Effekte als deren Alltagsspiegel zu pflegen gilt.

Eine Idylle? Ja, sagt Syberberg, abzüglich dessen, was das Gegenteil davon ist. //

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