Im Bann der eigenen Geschichte

Zum 60. Geburtstag von Theater der Zeit 2006 warf Chefredakteur i.R. Martin Linzer einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Abriss über die Geschichte des Magazins.

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Theater der Zeit hat Geburtstag und möchte aus diesem Anlass seinen Lesern ein Geschenk machen: die „Gesammelten Werke“, oder doch einen Abglanz davon. Unsere CD-ROM, die jeder Abonnent mit dem Mai-Heft erhält (und jeder Neugierige selbstverständlich auch bei uns erwerben kann), enthält aus jeder der von Juli 1946 bis April 2006 erschienenen Ausgaben, und das sind exakt 746, mindestens einen Beitrag, ob Leitartikel, Rezension, Reportage, Gespräch – also über 750 Beiträge aus 60 Jahren Theater der Zeit!

Die Auswahl, die ich im Auftrag des Verlags vorgenommen habe, eine Zeitreise auch durch die eigene Biografie. ist notwendig subjektiv, unausgewogen, angreifbar – eine Art Director's Cut –, aber nicht willkürlich. Sie versucht anzudeuten, wie Personen – Chef- und andere Redakteure, auch bestimmte Autoren – das Erscheinungsbild der Zeitschrift bestimmten bzw. veränderten, wie aber auch politische Umstände, gesellschaftliche Prozesse auf das Erscheinungsbild der Zeitschrift einwirkten, eine freie Meinungsbildung behinderten, tolerierten, selten genug begünstigten. Ohne im Entferntesten eine professionelle Theater-Geschichtsschreibung ersetzen zu können, ist die Geschichte von Theater der Zeit doch auch ein Spiegelbild der Geschichte des DDR-Theaters, oder besser des Theaters in der DDR und ein Reflex der gesellschaftlichen Veränderungen in dem Teil Deutschlands, der als SBZ begann, 40 Jahre DDR hieß – und mit seiner Geschichte immer noch die Zeitschrift mitprägt. Stetige Veränderung als Teil einer mehrfach gebrochenen Tradition. Für ein Theater der Zeit – 2006 wie 1946.

Das heißt, es sind nicht nur die „Lieblings“-Beiträge enthalten, die natürlich auch (und die aus eigener Feder eingeschlossen), sondern auch solche, deren Wieder-Lesen eher schmerzhafte Erinnerungen auslöst, die aber wichtig sind zum Gesamtverständnis, die dem Vergessen entrissen werden müssen, weil nur so das Bild der Vergangenheit verifiziert wird – und Nostalgie verhindert. Ich werde zudem im folgenden versuchen, in aller gebotenen Kürze, etappenweise Entwicklungen zu kommentieren. Aus persönlicher Sicht selbstverständlich.

Von den Anfängen oder: die 40er Jahre 

Das erste Heft erschien im Juli 1946, im noch weitgehend zerstörten, kulturell aber schon heftig pulsierenden, politisch noch ungeteilten Berlin. Kultur, auch Theater, erwies sich als Lebens-Mittel in einer Zeit streng rationierter essbarer Konsumgüter. Theater, Kinos, Konzertsäle, soweit unzerstört, boomten, auch Buchläden und Antiquariate, Zeitungen und Zeitschriften waren gefragt. Bruno Henschel, dessen Verlag Bruno Henschel & Sohn bereits im Sommer 1945 seine Tätigkeit als Bühnenvertrieb aufnahm, besorgte für Fritz Erpenbeck als Herausgeber die Lizenz der sowjetischen Militäradministration; für ein Jahr, bis zum Umzug in die Oranienburger Straße arbeitete die Redaktion in der Privatwohnung der Henschels, in Schöneberg (Berlin-West). Erpenbeck seinerseits fand, eher zufällig, die in einer bezirklichen Ausstellung tätige  Anne-Lise Harich – Tochter eines mächtigen Verlegers in Königsberg, Witwe eines Schriftstellers und Literaturhistorikers, Mutter des Philosophen und späteren Dissidenten Wolfgang Harich – als treusorgende Mutter der Redaktion, holte sich junge Leute für den (bis 1962 erscheinenden), die Zeitschrift als lnformationsblatt begleitenden Theaterdienst; gemeinsam stürzte man sich in die Arbeit.

„Es ging immer um ein Theater, das den Problemen der/seiner Gegenwart verpflichtet war, es ging nie um ein Theater, das lediglich dem modischen Trend des Tages nachlief.“

Der vom Verlag berufene Redaktionsbeirat – der Komponist Boris Blacher, der Kritiker Herbert Jhering (damals Chefdramaturg des Deutschen Theaters), der Filmregisseur Kurt Maetzig, der Drehbuchautor Friedrich Franz Treuberg, die Schriftsteller Günther Weisenborn und Friedrich Wolf (später erster DDR-Botschafter in Warschau) – signalisierte durch seine prominente Besetzung sowohl einen hohen intellektuellen und journalistischen Anspruch wie eine die Grenzen des Theaters überschreitende thematische Breite: Musik und Film waren selbstverständlich eingeschlossen. Den Titel des ersten Hefts schmückte Max Reinhardt, quasi der „Ahnherr“ des modernen Theaters, der Leitartikel von Fritz Erpenbeck trug die programmatische Überschrift: „Zeittheater oder Theater der Zeit?“ Als Motto hat es eigentlich immer, bis heute, gegolten: Es ging immer um ein Theater, das den Problemen der/seiner Gegenwart verpflichtet war, es ging nie um ein Theater, das lediglich dem modischen Trend des Tages nachlief.

In den ersten Jahrgängen der Zeitschrift gab zwar Fritz Erpenbeck durch seine Leitartikel den „Ton“ an, eine schlichte Mixtur aus Marx/Engels/Aristoteles/Lessing, oft recht didaktisch vorgetra gen, aber nie dogmatisch. Dahinter im Heft dann eine erstaunliche Liberalität, später hätte man das „ideologische Koexistenz“ genannt, neben den schon aus der Weimarer Republik bekannten Linken wie Jhering, der Brecht-Verfechter, oder Erich Engel kamen nicht nur die sowjetischen, auch die westlichen Kulturoffiziere zu Wort, Friedrich Luft findet sich als Autor, Nachwuchsautoren wie Peter Palitzsch, Wolfgang Harich oder Gerhard Wolfram kommen zu Wort, auf den Fotoseiten – statt eigener Rezensionen mangels geeigneter Autoren gab es Zusammenschnitte aus denen der Tageszeitungen – Ost- und West-Theater friedlich vereint, von der späteren Ost-West-Polemik (stellvertretend: Stanislawski versus Brecht) noch kaum eine Spur; Stanislawskis „Ethik“ wird vorgestellt, aber Martin Heilbergs Philippika gegen das „Kleine Organon“ trägt eher den Charakter einer Glosse (der Theater- und Filmregisseur, selbst ein „Vollblut“-Mime, mache sich unter dem Titel „Armer Kean“ über die Verfremdungstechnik lustig), Brechts Stumme Kathrin Angelika Hurwicz schreibt über Probleme ihres Berufs und begründet eine Tradition der Zeitschrift: den Darsteller immer wieder ins Zentrum zu rücken, auch als Autor. (Nebenbei: Die Gründung der DDR im Oktober 1949 wird eher beiläufig registriert.)

Von ersten großen Veränderungen oder: die 50er- Jahre 

Anfang der 50er-Jahre ändert sich das Bild grundlegend. Erpenbeck war, auch via Neues Deutschland, kritisch abgemahnt worden, der Beirat in aller Stille beerdigt, ab April 1951 erschien Theater der Zeit, mit dem Theaterdienst zusammengelegt, als so dünnes wie dünnblütiges Halbmonatsheft, es wurde zum unverhohlenen Sprachrohr der Staatlichen Kunstkommission, zentrales Aufsichts- und Kontrollorgan, auch ging Erpenbecks „Nebentätigkeit“ als Hauptabteilungsleiter dieser Einrichtung sicher zulasten des Niveaus der Zeitschrift.

„Der Kalte Krieg hält Einzug in Theater der Zeit“ 

Jetzt stand Stanislawski auch als politische Keule im Vordergrund, sowjetische Autoren (nachgedruckt) untermauerten die Ergüsse der deutschen Stanislawski-Jünger (Ottofritz Gaillard, Otto Lang, Armin-Gerd Kuckhoff), jetzt griffen politische Funktionsträger direkt ins Geschehen ein (Hans Lauter, Kurt Bork), fand Walter Ulbricht mit klaren Worten zur ostdeutschen Nachkriegspolitik Eingang ins Autorenregister: Die deutsche Einheit, de facto längst beerdigt, wird blauäugig beschworen, das Profil des Feindbilds geschärft, der Kalte Krieg hält Einzug in Theater der Zeit.

Ab Januar 1953 gab es wieder ein monatlich erscheinendes Theater der Zeit nebst dem wöchentlichen Theaterdienst; 17. Juni 1953 und „Neuer Kurs“ der Partei sind nicht ohne Einfluss auf die Zeitschrift, die Auflösung der wegen ihrer engstirnigen und bürokratischen Verfahrensweise bei den Theatermachern ungeliebten Stakuko (Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten), die Etablierung eines Ministeriums für Kultur mit dem Dichter Johannes R. Becher an der Spitze beruhigen die Stimmung, lassen Auseinandersetzungen sachlicher erscheinen. (Becher lud übrigens die Berliner Theaterkritiker in unregelmäßigen Abständen zu informellen Gesprächen ein, er verstand zuzuhören.) Erpenbeck, vom lästigen Amt in der Stakuko befreit, widmete sich nun wieder verstärkt der redaktionellen Arbeit, auf Drängen von Anne-Lise Harich engagierte er im Sommer 1954 mich, einen jungen Diplomanden der Berliner Theaterwissenschaft, der schon ein Jahr zuvor ein Praktikum absolviert hatte, als „wissenschaftlichen Mitarbeiter“ – er wird dort kleben bleiben, bis heute. Es gab nach vielerlei Gerangel um dessen Besetzung auch wieder einen engagierten Beirat, dem gehörten u. a. Peter Hacks an und der Chefdramaturg des Deutschen Theaters, Heinar Kipphardt. Beide schreiben für Theater der Zeit, provozieren manche Polemik, auch aus dem Lager der „rechtgläubigen“ Marxisten, noch werden solche Auseinandersetzungen öffentlich ausgetragen. Seit 1953 gab es auch eigene Rezensionen wichtiger Aufführungen (die Zusammenschnitte aus Ost- wie Westzeitungen waren zunehmend als „objektivistisch“ und politisch desorientierend angegriffen worden), ein Autorenstamm musste dafür organisiert werden; es wurde über Aristoteles, Richard Wagner, die Theaterkritik im Allgemeinen und über die Rezeption von Pavel Kohouts Erfolgsstück „So eine Liebe“ im Besonderen gestritten; Andrè Müller, DKP-Mann aus Köln, eine echte rheinische Frohnatur, begann seine viele Jahre währende Korrespondententätigkeit, während Herta Singer, KPÖ-Journalistin aus Wien, ihre Tätigkeit schon bald wieder einstellen musste – sie hatte nach den Budapester Ereignissen 1956 ihre Partei verlassen (was Erpenbeck mit Bedauern, aber auch mit Verständnis akzeptierte); Hagen Mueller-Stahl (Volksbühnen-Dramaturg, Armins älterer Bruder) darf mit Hacks mehr „Liberalismus“ einfordern, wird allerdings in die Schranken verwiesen durch die Leipziger Theaterwissenschaftlerin Erika Höpfl (später als Erika Stephan bekannt), die Leipziger Theaterwissenschatler waren in aller Regel immer politisch zuverlässiger als ihre Berliner Kollegen; Brecht-Meisterschüler B.K. Tragelehn (wegen seines auffälligen Brecht- Outfits von Erpenbeck spöttisch „Taschen-Brecht“ genannt) rezensiert euphorisch Heiner Müllers „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ an der Volksbühne bei gleichzeitigem Verriss der Regieleistung und muss sich ebenfalls denunzierenden Widerspruch gefallen lassen: der Jung-Redakteur Linzer legt sich mit der Parteibürokratie im kulturellen Bereich an (sein Leitartikel „Dogmatismus und Praktizismus“ in Heft 4/56 berief sich auf Ergebnisse des XX. Parteitags in Moskau), gegen Angriffe von außen (u. a. in der Weltbühne) nimmt ihn Vater Erpenbeck in Schutz. Joachim Tenschert, zu dem Zeitpunkt noch in der Akademie der Künste tätig, gibt im Auftrag Erpenbecks eine theaterwissenschaftliche Beilage STUDIEN heraus, die später als Rubrik ins Heft integriert wird, darin enthalten Beiträge über Brecht, das BE und die junge Dramatik.

„Den Chef der Stakuko, Helmut Holtzhauer, charakterisierte Franz Wisten so: Der weiß zwar alles über Rembrandt, er weiß auch alles über Käthe Kollwitz, nur kann er einen Rembrandt nicht von einer Käthe Kollwitz unterscheiden.“

Der XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, die Revision des Stalin-Kults machen Mut, beflügeln die Diskussion auch strittiger Themen – für kurze Zeit, das „Tauwetter“ (Titel eines damals aktuellen Romans des sowjetischen Schriftstellers llja Ehrenburg) hält nicht lange an. Der Gegenschlag, die Janka- und Harich-Prozesse, damit die Ausschaltung kritischer Intellektueller, die einen eigenen, nationalen Weg in den Sozialismus befürworteten, damit verbundene Restriktionen finden in der Zeitschrift keinen Niederschlag, werden allenfalls im privaten Kreis diskutiert, im Kreis um Mutter Harich zum Beispiel, die von Erpenbeck „Sippenhaft“ verhindernd, abgeschirmt wird.

Anne-Lise Harichs Herzinfarkt Anfang 1959 war sicher eine Spätfolge der Aufregungen um Sohn Wolfgang – die Inhaftierung, der Prozess, die frustrierenden Besuche in Bautzen –, im Sommer 1959 verließ auch Fritz Erpenbeck Verlag und Redaktion in Richtung Volksbühne. Noch J.W. Preuß mutmaßt in seinem Berlin-Buch („Theater im ost-/westpolitischen Umfeld“), Erpenbeck sei als „Aufpasser“ zu Fritz Wisten geschickt worden. Wisten und ein Großteil seiner Mannschaft wohnten noch immer in Westberlin, die „Schwitzbad“-Affäre war unvergessen (die von einem prominenten Moskauer Regisseur inszenierte Majakowski-Aufführung war nach wenigen Vorstellungen verboten worden – nach offizieller Lesart gab es in der DDR selbstverständlich keine Bürokratie!), tatsächlich aber war es Wisten, der seinem alten Kumpel Erpenbeck ein „Asyl“ bot und den Posten eines Chefdramaturgen, den er eigentlich nicht brauchte. Der „Altkommunist“ und unbescholtene Moskau-Emigrant, ein Sportsmann, der gewohnt war, mit Freund wie Feind auf Augenhöhe zu verhandeln, sah sich zunehmendem Misstrauen ausgesetzt und insistierendem Reinreden durch eine neue politische Elite kunstfremder wie politisch unsensibler Beamter (den Chef der Stakuko, Helmut Holtzhauer, charakterisierte er so: Der weiß zwar alles über Rembrandt, er weiß auch alles über Käthe Kollwitz, nur kann er einen Rembrandt nicht von einer Käthe Kollwitz unterscheiden).

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