Politik der Vorstellung

Recherchen 36

Politik der Vorstellung

Theater und Theorie

Herausgegeben von und

Paperback mit 252 Seiten, Format: 140 x 240 mm
ISBN 978-3-934344-62-4, Originalpreis: € 16,00

Vorwort

POLITIK DER VORSTELLUNG Theater und Theorie

Politisches Theater, so nannte sich lange Zeit jener Teil des Theaters, der Politik kommentieren oder kritisieren wollte. Wenn heute vermehrt zu vernehmen ist, Theater müsse wieder politisch werden, stellt sich die Frage, ob das Theater tatsächlich als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln taugt. Muß das Verhältnis von Theater und Politik nicht völlig neu bestimmt werden? Geht es heute nicht - frei nach Godard - darum, politisch Theater zu machen und nicht politisches Theater? Wo aber ist die Bühne solchen Theaters? Und vor welchem Publikum findet es statt, mit welcher Öffentlichkeit?

So ließen sich in Kürze die Fragen zusammenfassen, die am Anfang der Planung eines internationalen und interdisziplinären Symposiums standen, dessen Beiträge in diesem Band versammelt sind. Auf Einladung des Instituts für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, des Siemens Arts Program sowie des Schauspielhauses Bochum trafen sich Anfang Juni 2005 Theaterpraktiker und Theoretiker zu einem gemeinsamen Nachdenken über diejenige Politik, die durch die eigene Institution, ihre Regeln, Verträge, Diskursgesetze und Techniken unmittelbar gegeben ist. Als »Politik der Vorstellung« sollte einerseits die Politik begriffen werden, die per se im öffentlichen Auftreten eines Schauspielers, eines Performers oder eines Tänzers am Werk ist - noch bevor dieses Auftreten mit irgendeinem politischen oder künstlerischen Zweck verbunden wird. »Politik der Vorstellung« sollte andererseits die Spezifik eines vorstellenden Denkens bezeichnen, das unmittelbar zugleich Vor wie auch Verstellung ist. Wir luden also dazu ein, zum einen über das gegenwärtige Theater - in allen seinen Erscheinungsformen und Transformationen - nachzudenken, zum anderen aber auch über das Theatrale als eine Art von Grundproblem in aller modernen Philosophie und Literatur. Theater und Theorie sollten dabei von grundlegenden Fragen her zusammengeführt werden, die sie teilen, auch wenn sie sich mit ihnen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen: Was heißt es, dem Anderen Aufmerksamkeit entgegenzubringen? Wie wären angesichts der »Krise des Subjekts« die klassischen Rollen des Schauspielers, des Denkers und des Intellektuellen neu zu denken? Was heißt es, in einem »Medium« zu sein, und inwiefern ist das Theater als solches zu begreifen? Welche Erfahrung von Sprache manifestiert sich in den vielfältigen Formen eines Sprachtheaters} ...

Der vorliegende Band erweitert und ergänzt die gesammelten Vorträge des Symposiums in einem vorangestellten Teil um Diskussionsbeiträge von vier Denkern, die in ihrer philosophischen und literaturtheoretischen Arbeit in der Vergangenheit immer wieder auf theatertheoretische Fragen zu sprechen kamen. In den hier erstmals in deutscher Übersetzung vorgelegten Texten beschäftigen sie sich nicht zuletzt mit jenen Fragen, die im Zentrum der Diskussionen des Symposiums standen: Jacques Derrida beschreibt in einem wenige Monate vor seinem Tod aufgezeichneten Interview in dichter Form, was ihn über lange Jahre hinweg immer wieder zu den Arbeiten Antonin Artauds zurückkehren ließ - der Ausgangspunkt einer Leere, eines gleichzeitigen Sagen-Müssens und Nichts-Sagen-Könnens. Beides zusammen faßt er in der Formulierung, daß man es hier mit einer »soufflierten Rede« zu tun habe: mit einer Rede, die diktiert ist, von einem anderen herkommt und deshalb niemals ganz demjenigen gehört, der sie gebraucht, verwendet, vorträgt. Jean-Luc Nancy und Philippe Lacoue-Labarthe greifen nicht zuletzt dieses Verständnis der Rede auf, wenn sie in ihrem »Dialog über den Dialog« danach fragen, wie die theatrale oder »architheatrale« Verfaßtheit des Sprechens und Denkens genau zu begreifen wäre und was aus ihr für die Konzeptualisierung so zentraler Aspekte des Theaters und seiner Theorie wie der Theaterfigur, des -dialogs, des Dramas und der dem Theater immer wieder zugeschriebenen »Präsenz« folgt. Samuel Weber betont in seiner Derrida fortführenden Lektüre Artauds dessen Kritik am Theater der Repräsentation, wie es sich in der Nachfolge Aristoteles' in der abendländischen Tradition herausgebildet hat. Artauds Theatertheorie wendet sich gegen die bei Aristoteles angenommene Einheit des Blicks, gegen den festen Standpunkt, die feste Aufteilung des Raumes und die Einheit von Bedeutung, Handlung und Subjekt. Dadurch wird er aber, wie Weber aufzeigt, zu einem wichtigen Denker dessen, was in der gegenwärtigen Debatte über die Frage der Virtualisierung und der Virtualität der Medien auf dem Spiel steht.

Im zweiten Teil dieses Bandes sind Aufsätze versammelt, die man als Versuch übergreifender Theoriebildung bezeichnen könnte: ausgehend von Kant (Werner Hamacher), von griechischen Mythen der Interpretation (Al Goergen), vom wiederkehrenden und wiederkehrend scheiternden Versuch, dem Theater zugunsten reiner Ernsthaftigkeit zu entkommen (Manfred Schneider), und von der Medientheorie Alexander Kluges (Rainer Stollmann). Im dritten Teil finden sich Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen szenischen Darstellungen, ihrer Theorie und ihrem Bezug zum Politischen - aus den Bereichen Performance (Tim Etchells), Sprechtheater (Theresia Birkenhauer) und Oper (Nikolaus Müller-Schöll). Den Schlußteil bilden zwei Essays (von Thomas Oberender und Ulrike Haß), die auf die mit dem Symposiums-Projekt gestellten Fragen übergreifend reagieren. Durch das Buch ziehen sich Bilder zur Performance DEATH IS Certain von Eva Meyer-Keller sowie ein Fragenkatalog, der die Grundlage von Quizoola! bildet, einer auf sechs Stunden angelegten Performance der britischen Gruppe Forced Entertainment. Sie stehen für die zwei Aufführungen, die eigenständige Beiträge zum Symposium darstellten, hier jedoch nicht durch einfachen Abdruck zu dokumentieren sind.

Zum Gelingen dieser Veranstaltung haben zahlreiche Personen und Institutionen beigetragen, denen an dieser Stelle zu danken ist: Dem Schauspielhaus Bochum, seinem Intendanten Matthias Hartmann und ganz besonders dem Leitenden Dramaturgen Thomas Oberender für die gute Kooperation; den Mitarbeitern des Instituts für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, seinen Professoren Ulrike Haß und Guido Hiß, seiner Sekretärin Mechthild Heede sowie ganz besonders Alexander Kerlin für die tatkräftige und verläßliche Hilfe bei Planung, Vorbereitung und Umsetzung der Veranstaltung und ihrer Publikation; den Mitarbeitern des Siemens Arts Program und Alexander Müller für die Unterstützung beim Lektorat. Harald Müller sei schließlich sehr herzlich gedankt für die Aufnahme des Bandes in die Reihe »Recherchen« des Verlags Theater der Zeit.

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