Danke für das Gespräch. Nachwort | Dezember 2017

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Interviews mit Frank Castorf funktionieren oft ähnlich wie seine Inszenierungen. Die Assoziationen sind schnell und sprunghaft. Ziemlich abrupt wechseln die Ebenen, von H. C. Andersen zu Tarantino zum Dekor von SM-Studios zu Michael Jackson zu den Mundwinkeln von Angela Merkel zu den Pogues zu Unterhaltszahlungen. Von der feindlichen Übernahme der Volksbühne zu den antinapoleonischen Aufständen der Spanier zu Goya zu Carl Schmitt zum Guerillakrieg zu Castro zur Mafia. Die gedruckte, also stark kondensierte Fassung gibt von dieser Abschweifungsfreude nur ein schwaches Abbild. Castorf selbst nennt diesen Hang zum weiten Bogen und Mäandern der Gedankengänge seine Disposition zur »Gedankenflucht«. Zaghafte Versuche, die Satzkaskaden abzubrechen, um vielleicht langsam wieder in Richtung Ausgangsfrage zu steuern, werden souverän ignoriert (»… ich will ja nur sagen …«), der nächste Schub an Gedankenoutput gewinnt an Tempo. Es geht offenkundig nicht darum, irgendjemanden zu überzeugen oder etwas zu beweisen, es geht eher darum, Berge an Material aufzuhäufen. Einerseits ist das eine Zumutung. Andererseits ist es vor allem: interessant. Und es ist oft überraschend, weil Castorfs Lektüren und Gedanken in anderen Regionen unterwegs sind, als es das übliche gesinnungssmarte Kulturbetriebsmilieu ist. Diese eher ausschweifende als effiziente Gesprächsführung ist gegenüber dem latent überforderten Gesprächspartner in gewisser Weise sehr höflich. Er kann sich aus dem unsortierten Wust nehmen, was ihn interessiert, schließlich muss man sich nicht gegenseitig bevormunden. Sinnzusammenhänge und Argumentationslinien werden sich dann schon einstellen. Freundlichkeitsgesten oder die falsche Authentizität persönlicher Bekenntnisse, die Künstler-Interviews oft so schwer erträglich machen, sind nicht nötig. Stattdessen: Zuspitzung, kurz hingeworfene Gedanken, Lektürefrüchte, begründungsfrei abgefeuerte Thesen, Spott als Waffe, Aggression als Ressource und Erkenntnisinstrument. Man erhält Einblick in das Denken des Interviewpartners, offenbar ist er an Harmonie nicht übertrieben interessiert und pflegt ein eher illusionsloses Menschenbild.

Ob man zustimmt, jedes abgelegene, als bekannt vorausgesetzte Buch kennt und jeden Gedankensprung mitmacht oder auch nur nachvollziehen möchte, ist nicht Castorfs Problem. Dieses Komplett-Desinteresse am Erklärbeipackzettel sorgt für die schöne Überforderung, die auch seine Inszenierungen ihren Betrachtern bescheren. »Mehr als die Chance, sich selbstständig zu verhalten, kann kein Buch bieten«, sagt Alexander Kluge, wenn jemand seine mit Oskar Negt angelegten Text-Theorie-Geschichts-Steinbrüche (»Geschichte und Eigensinn «) etwas unübersichtlich findet. Das gilt ähnlich für Castorfs Inszenierungs-Gebirge. Kluge wie Castorf setzen ein zu dieser Selbstständigkeit bereites Gegenüber voraus. Weil beide in ihrer Arbeit auf Selbstdisziplinierung im Dienste der Verkäuflichkeit verzichten, ersparen sie dem Rezipienten den Druck, jede ihrer Bewegungen mitmachen zu müssen.

Die Interviews sind im Vorfeld von Premieren entstanden. Das bedeutet: Der Regisseur ist im Stoff. Entgegen dem Klischee vom Stücke-Zertrümmerer, der freihändig mit dem Textmaterial jongliert, zeigt er sich in den Interviews als manischer Leser. Dass er sich für eine Regie gierig mit Material vollsaugt, dient nicht dem Zweck, sich devot an den Stand der Forschung zu halten, eher dienen die Lektürefrüchte als Startrampe, als Benzin, das in der Arbeit verbrannt wird. Der Vorteil des Interviews ist, dass man anders als beim Theaterbesuch nachfragen kann, wenn die Gedankensprünge etwas verwirrend werden. Weil Castorf nicht oberflächlich durch den Stoff surft, sondern seine Denkbewegungen aus der Auseinandersetzung mit literarischen Texten entwickelt, und weil er offenkundig ziemlich genau weiß, was er tut, sind die Nachfragen desto ergiebiger, je vertrauter der Interviewer mit der Materie ist. So waren die Volksbühnen-Jahre neben allem anderen, was man ihnen verdankt, auch noch eine fruchtbare Lektüreschule. Danke.

Die meisten dieser Interviews sind im Berliner Stadtmagazin »tip« erschienen, für das ich lange und nicht ungern gearbeitet habe. Meine Chefs und Kollegen haben Castorfs Polemik und mein Interesse daran, zu erfahren, was er denkt, mit Engelsgeduld ertragen. Ohne die Großzügigkeit von Rüdiger Schaper, Karl Hermann, Heiko Zwirner und Stefanie Dörre wären diese Interviews so nicht erschienen.

Peter Laudenbach, Dezember 2017

Marc Hosemann, Frank Castorf und Kathrin Angerer (2017). Foto: David Baltzer / bildbuehne.de
Marc Hosemann, Frank Castorf und Kathrin Angerer (2017). Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

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Leserkommentare

Chrodechilde
1

.... Weil beide in ihrer Arbeit auf Selbstdisziplinierung im Dienste der Verkäuflichkeit verzichten, ersparen sie dem Rezipienten den Druck, jede ihrer Bewegungen mitmachen zu müssen.....

Das finde ich gut! Aber kann man einfachen, hart arbeitenden Menschen, von denen zunehmend selbstverständlich erwartet wird, dass sie ihre Arbeit bis zum völligen Zusammenbruch immer schneller und verdichteter bewältigen, erwarten, dass sie so etwas mit Subventionen durch ihre Steuern finanzieren?

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