Lieber Frank

von

Es ist mir eine große Freude, einen kurzen Beitrag zu Deiner so erfolgreichen Zeit als Leiter der Ruhrfestspiele zu schreiben.

„Torquato Tasso“ von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Frank Hoffmann, Foto Birgit Hupfeld
„Torquato Tasso“ von Johann Wolfgang von Goethe, Regie: Frank Hoffmann, Foto Birgit Hupfeld

Sowohl das Publikum hier in Recklinghausen als auch die Entstehungsgeschichte dieses Festivals zeigen mir immer wieder, dass die ursprüngliche Kraft des Theaters an diesem Ort besonders zu spüren ist. Dazu muss ich kurz einiges in Erinnerung rufen, was Dir natürlich mehr als bekannt ist.

Die Ruhrfestspiele sind, soviel ich weiß, die einzigen großen Festspiele im deutschsprachigen Raum, die bewusst aus dem Geist der Arbeitnehmerschaft gegründet wurden: für die Arbeiter und Angestellten des Ruhrgebiets. Der enge Zusammenhang zwischen Theater und Arbeitswelt entstand nicht als pädagogisches Konzept an den grünen Tischen von Kulturpolitikern, sondern als spontane Aktion zwischen frierenden Hamburger Theaterleuten und Kohle spendierenden Bergleuten im kalten Nachkriegswinter 1946. „Kunst für Kohle“ hieß die berühmte Formel, die Recklinghausen und seine Festspiele ins Leben rief. Schauspieler waren neugierig, etwas über die Arbeitswelt der Bergleute zu erfahren. Diese wiederum waren das Publikum der Theaterleute.

Mit natürlicher Selbstverständlichkeit gehörten hier Theateraufführungen und die Bildung eines demokratischen Bewusstseins zusammen. Es ist die Aufbruchsstimmung der jungen Bundesrepublik mit ihrem kühnen Grundgesetz und ihrem föderalistischen Prinzip, in die auch die Entstehung der Ruhrfestspiele gehört. Festspiele, die von vornherein anders gedacht waren als die in Salzburg oder Bayreuth, die oft den Eindruck erwecken, als seien Kunst und Kultur eine verselbstständigte, abgehobene Leistungsschau vor einem Publikum, das cäsarisch den Daumen nach oben oder unten bewegen will, um seinem Wertungsbedürfnis zu frönen – anstatt seinen gesellschaftlichen und individuellen Mangel in Beziehung zu setzen zu den Inhalten, die auf der Bühne verhandelt werden!

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