Look Out

Ästhetik des Gedrängten

Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen inszeniert als freie Gruppe außergewöhnliche Opernabende

von

Foto Thilo Mössner
"Hauen & Stechen" Foto Thilo Mössner

Wie alles begann? Franziska Kronfoth und Julia Lwowski studierten beide Opernregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin, 2012 gründeten sie das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen. Die Galerina Steiner in Berlin-Schöneberg bot an, den Keller für Veranstaltungen zu nutzen. Und so entstand die Idee, dort jeden Freitagabend eine andere Oper zu zeigen. Der Keller war staubig, niedrig, eng – und das Publikum mitten im Geschehen. Diese „Ästhetik des Gedrängten“, sagt die Dramaturgin Maria Buzhor, habe sich bis heute erhalten, sie entsprang den vorgefundenen Produktionsbedingungen. Produktionsbedingungen, damit setze man sich als Kollektiv auseinander. Man selbst habe in dem Keller gehaust wie die „Zwerge unter Tage bei Wagners Nibelungen“, so Lwowski. Weil der Raum nur Platz für zwanzig bis dreißig Zuschauer bot, sich aber 150 vor der Tür versammelt hatten, musste man fünf- bis sechsmal hintereinander spielen, um das Erarbeitete allen zeigen zu können.

Inzwischen haben Hauen und Stechen ihre Arbeiten unter anderem in der Neuköllner Oper, der Bayerischen Staatsoper und in den Sophiensaelen gezeigt, mit Letzteren sind sie durch die Doppelpassförderung verbunden. Das Kollektiv sei wie ein „rolling stone“, im Laufe der Zeit habe es immer mehr Menschen an sich gebunden, Schauspieler, Musiker, Sänger, Videokünstler und viele mehr. Man wolle zeitgenössisches Musiktheater mit traditionellen Opernstoffen machen, erzählt Kronfoth. Das habe auch wieder etwas mit Produktionsbedingungen zu tun, denn viele der Werke des 19. Jahrhunderts sind rechtefrei, sodass man nicht gezwungen sei, die originale Orchesterbesetzung zu verwenden. Stattdessen können sie eigene Arrangements erproben, verantwortlich dafür zeichnet der musikalische Leiter Roman Lemberg. Ein gewünschter Effekt dessen ist, Trennungen zu überwinden, auch Schauspieler zur Musik zu bringen sowie Musiker und Sänger szenisch einzubinden, auch die Dramaturgin singt gelegentlich. Begeisterung ist dafür eine unabdingbare Voraussetzung. Das alles prägt den für das Kollektiv charakteristischen anarchischen, aber anspruchsvollen Umgang mit dem Material.

Im letzten Jahr haben Hauen und Stechen an Giacomo Puccinis „Turandot“ gearbeitet, drei einzelne, abendfüllende Studien und eine Abschlussinszenierung sind daraus entstanden. Die erste Studie endete mit einer nächtlichen Taxifahrt durch Berlin-Neukölln hin zu einem Bestattungsinstitut, wo die Schauspielerin Gina-Lisa Maiwald P. J. Harveys „Oh My Lover“ am offenen Sarg sang, eine theatrale Grenzerfahrung im besten Sinne. Bei Johann Strauss’ „Die Fledermaus“ wurde der obszöne Kern der Operette zum Thema des Abends gemacht, der Exzess der Sexualität. Parallelen mit dem Theater Frank Castorfs, die sich bei diesem Abend geradezu aufdrängen, seien zwar nicht abwegig, aber ihre wiederholte Behauptung auch nervig, man habe sich inzwischen doch eine eigene Bezeichnung verdient. Dass auch Maiwald in ihrer umwerfenden Präsenz und mit ihrer fantastischen Stimme durchaus der jungen Sophie Rois nicht fern ist, stärkt die Nähe eher, als dass es sie schwächt. „Wichtig ist, zu arbeiten und Kunst zu machen, nicht zu labern und auf Förderung zu warten“, sagt Lwowski. „Für eine Sache zu arbeiten, die mehr ist als man selbst“, fügt Kronfoth hinzu. Zurzeit widmen sie sich Ludwig van Beethovens „Fidelio“, die Studien heißen jetzt Folgen und der Titel „Ein deutscher Albtraum“. Und wenn man träumen dürfte? Ein eigenes Haus. Da sind sie wieder, die Produktionsbedingungen. Der Keller ist inzwischen deutlich zu klein geworden für das, was Hauen und Stechen zu zeigen haben. //

„Rotz“, der zweite Teil von „Fidelio. Ein deutscher Albtraum in vier Folgen“, hat am 4. April in den Berliner Sophiensaelen Premiere.

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