Auftritt

Berlin: Requiem auf ein verblassendes Dasein

Sophiensäle: „Outland“ (UA) von Anne Habermehl. Regie Anne Habermehl, Bühne Christoph Rufer, Kostüme Bettina Werner

von

Ein bitteres Ende. Der Alte im Rollstuhl versteht die Welt nicht mehr, und niemand versteht ihn. „Wie es ist die Pfennige zu zählen / und die Rippen / Wie es ist die Butter zu sparen / Das Brot zu lutschen / Rauch zu sehen / Zement mit Blut anzurühren / In Granit zu beißen.“ Ein Pflegefall im fremden Zimmer ist er, gekleidet in Erwachsenenwindeln, nur einmal die Woche schaut die Enkelin vorbei, „die kleine Göre“, die dem Opa früher den Stachelbeergarten leer gefressen hat und heute so gar nichts wissen will von seinem Leben. „Keine einzige Frage.“ Schon seltsam. Ein Meer der Kommunikationsmöglichkeiten tut sich vor uns auf, im Netz und in der Welt, und trotzdem zählen wir nur die Stunden, da wir nichts voneinander wussten. „Keiner braucht Antworten / In diesem Land, das wir aufgebaut haben.“

Ein kakofoner Chor der Entfremdung – „Outland“ (hier mit Anne Haug und Ingo Tomi) von Anne Habermehl. Foto Detlev Schneider
Ein kakofoner Chor der Entfremdung – „Outland“ (hier mit Anne Haug und Ingo Tomi) von Anne Habermehl. Foto Detlev Schneider

Die selbstmitleidfreie Klarheit, mit der Schauspieler Manfred Andrae (zuletzt in Andres Veiels „Himbeerreich“ am Deutschen Theater in Berlin auf der Bühne zu sehen) sein Requiem auf ein verblassendes Dasein anstimmt, besitzt eine stille Wucht. Der treffendste Moment in Anne Habermehls Stück „Outland“, das die Dramatikerin selbst in den Sophiensälen Berlin eingerichtet hat. Ein etwas ungewöhnlicher Spielort, schließlich bewegt sich Habermehl ansonsten in Stadttheaterkontexten. „Outland“ ist auch keine der handelsüblichen Performances, sondern will von Menschen erzählen oder, genauer, von Elementarteilchen, die in einem gründlich sinnentleerten Kosmos aneinander vorbeirasen und sich vor lauter Weltraumkälte kaum spüren. Das wiederum geschieht natürlich nicht im psychologisch-realistischen Einfühlungston, sondern auf poetisch überhöhter Prosafläche. Insofern sprengt das Stück auch nicht den Erwartungsrahmen einer freien Szene.

„Ich bin individuell.“ „Ich habe Arbeit gefunden.“ „Ich akzeptiere die Regeln dieser Gesellschaft.“ „Ich habe mir die Fähigkeit zur Hingabe bewahrt.“ „Ich interessiere mich für bildende Kunst“ – aus solchen subversivaffirmativen Sätzen komponiert Habermehl ihr Einstiegslibretto, das vier Spielerinnen und Spieler – neben Andrae noch Anne Haug, Ingo Tomi und Sabine Waibel – als kakofonen Chor der Entfremdung vortragen und in die finale Diagnose des Zeitgenossen kippen lassen: „Ich bin komplett im Arsch.“

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