Auftritt

Schwerin: Tod und Auferstehung

Mecklenburgisches Staatstheater: „Vor dem Fest“ (UA) nach dem Roman von Saša Stanišic. Regie Martin Nimz, Bühne Sebastian Hannak, Kostüme Jutta Kreischer

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Im Hintergrund ein leuchtendes Postkartenmotiv: Seen und Bäume, eine Idylle. So vermarktet sich die Uckermark gern touristisch. Im Vordergrund der Schlamm, den die Zeit hinterlassen hat, inzwischen betonfest. Das Dorf Fürstenfelde ist schon bei Tage nicht schön, wie dann erst bei Nacht?

/ 51 / Wo der Tag seine Nachtseite als eigentliche Heimat entdeckt – In „Vor dem Fest“ wirft Saša Stanišic einen anderen Blick auf das Thema sterbende Dörfer. Foto Silke Winkler
Wo der Tag seine Nachtseite als eigentliche Heimat entdeckt – In „Vor dem Fest“ wirft Saša Stanišic einen anderen Blick auf das Thema sterbende Dörfer. Foto Silke Winkler

Es ist die Nacht vor jenem Fest, zu dem niemand der Beteiligten etwas Genaues sagen kann. Aber das Annenfest wurde immer schon gefeiert, warum also damit aufhören? Das ist die Szenerie von Saša Stanišics Roman „Vor dem Fest“. Der Blick des 1978 in Bosnien-Herzegowina geborenen Autors, der mit 14 Jahren ins Nachwende-Deutschland kam, gleitet wie im Segelflug über die gängigen Ost-West-Ressentiments hinweg, ist voller Neugierde auf jene Geschichten, die die Provinz nicht gern preisgibt.

Ein nächtlicher Reigen der Erinnerung. Gestern und Heute verschwimmen in jener unbestimmten Sehnsucht, die das Leben vorantreibt. Wohin? Ins Morgen oder ins Gestern, in den Tag oder die Nacht? Hier ist es immer beides zugleich: eine taghelle Gespenstergeschichte, ein hochvitaler Totentanz. Martin Nimz beweist in seiner Inszenierung viel Sinn für das Unterschwellige, das Unausgesprochene. Es ist ein Tableau aus lauter Andeutungen geworden, zwischen denen die Regie ein zartes Band fortgesetzt scheuer Annäherung knüpft, aus dem der Abend seine Poesie bezieht. Nähe und Fremdheit zugleich, die alten Geschichten, die manchmal bedrohlich nahe kommen.

Plötzlich ist alles wieder da: das Verlangen, der Hass, das Unbehaustsein, diese ganze paradoxe Gefühlslage des Menschen, der mit sich und seinen Erinnerungen lebt. Sei glücklich in deinem Unglück! Aber wann will man jemandem so was ernsthaft empfehlen, wenn nicht in einer so besonderen Nacht wie dieser, wo sich die Dinge mittels einer merkwürdigen Kraft (Magie!) zu verwandeln scheinen. Der Tag entdeckt seine Nachtseite als eigentliche Heimat. Es ist ein anderer Blick auf das Thema sterbende Dörfer als der gewohnte: die Märchenperspektive eines, der von weit her kommt und hier dennoch etwas ihm Vertrautes findet – den Erfahrungsschatz einer scheinbar weltvergessenen Gegend.

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